Wenn sich bei den Kindern feste Partnerschaften anbahnen

Das ist mein Freund!

Familienstrukturen ändern sich, wenn erwachsene Kinder ihre festen Freunde und Freundinnen mit nach Hause bringen. Wie sollen Eltern reagieren? Darüber befragte Richard Schleyer für den DOM Manfred Frigger, den Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung unserer Diözese, und andere Fachleute.

Die Eltern sitzen gerade beim Sonntagnachmittags-Kaffee, als die zwanzigjährige Moni ins Esszimmer schneit. Sie hat einen jungen Mann in ihrer Begleitung. Die Eltern kennen ihn schon, ein Arbeitskollege Monis.

Sie hat mit ihm und anderen Freunden schon manches zusammen unternommen. Doch heute werden die Eltern überrascht. "Das ist Eddie, mein Freund!" Betont lächelnd bringt die Tochter das über ihre Lippen; sie kann sehr charmant sein, wenn sie will. Was Moni so beiläufig bemerkt, klingt den Eltern sofort in den Ohren. Besonders der Vater ist hellhörig geworden. "Mein Freund!", das hat Moni ja noch nie so gesagt. Ganz neue Aussichten tun sich da auf! Er kann nichts dafür, plötzlich spürt der Vater schon die Hand eines Enkels in seiner. Es ist, als ob er in die Zukunft schauen würde. Freude steigt in ihm auf. Eltern reagieren mitbetroffen, wenn sich die erste wirklich ernste Beziehung ihrer Kinder anbahnt. Das sei ganz normal, erläutert Manfred Frigger, Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung unserer Diözese. Schließlich ahnen die Eltern, dass sich mit der neuen festen Beziehung ihrer Tochter oder ihres Sohnes auch ihr eigenes Familiengefüge verändern wird. Jemand von außen kommt dazu. Dem sind die bisherigen Gepflogenheiten und Regeln nicht so vertraut. Der wird auch manches kritisch beäugen.

Doch zunächst schauen die Eltern den "Neuen" mit ganz anderen Augen an. "Ist das der Schwiegersohn, den ich mir vorgestellt habe oder nicht?" Die Entscheidung fällt oft rasch. "Passt der oder passt der nicht?" Eltern mögen sich noch so tolerant wähnen, wenn sie sich wirklich für ihre Kinder interessieren, taucht diese Frage auf, betont Manfred Frigger. Sie wünschen sich einen guten Mann für ihre Tochter, eine gute Frau für ihren Sohn. Und jemanden, der mit der Familie harmoniert. Sie sind in der Regel aber auch offen, die künftigen Partner ihrer Kinder richtig kennenzulernen. Für die festen Freunde und Freundinnen ihrer Kinder Interesse zu zeigen, rät auch Magdalena Bogner, kfd-Bundesvorsitzende, ehemalige Lehrerin und selber erfahrene Mutter erwachsener Kinder. Monis Vater hätte solche Erinnerungen nicht nötig gehabt. Ihm war der junge Mann schon früher positiv aufgefallen; heimlich hatte er sich schon gewünscht, dass sich da was anbandelt. So reagierte er sofort, bat Eddie und Moni, am Kaffeetisch Platz zu nehmen und verwickelte Eddie in ein intensives Gespräch. Politik, Fußball. Autos, alles, was Männer so interessiert, streiften sie und hatten sichtlich Freude aneinander. So dass Moni am nächsten Abend ihren Vater ermahnen musste, so sehr sie sich auch freute, dass das erste richtige Zusammentreffen der beiden funktioniert hatte: "Papa, Eddie ist mein Freund!" Und, so ergänzte sie, wie weit sie wirklich miteinander seien, müsse sich erst noch herausstellen. Alles sei erst am Anfang; und über ihre mögliche Zukunft hätten sie so noch nicht miteinander geredet. Der Papa solle da bloß nichts verderben, indem er vorpresche und von Hochzeit oder gar Enkeln fasle. Das sei dann voll peinlich. Zunächst müssten sie sich ja wohl erst selber ihrer Liebe sicher werden.

Der Papa verstand und verschloss seine Enkel-Wünsche tief in sich. In einer Familie, in der vorher eine gute Kommunikation zwischen Eltern und Kindern herrschte, dürfen Eltern auch dann das Gespräch mit ihren erwachsenen Kindern suchen, wenn es um deren Lebens-Beziehungen geht. So versichert Manfred Frigger. Allerdings ohne sich direkt einzumischen. Eltern müssen sich vor Übergriffen hüten. Zum Beispiel nicht nach einem möglichen Hochzeitstermin fragen, bevor die jungen Leute damit angefangen haben. Auch den Kontakt zu den Eltern des Freundes oder der Freundin sollten die Eltern nicht von sich aus suchen; es sei denn, sie kennen sich schon. Auch da sollte die erste Vermittlung von dem jungen Paar ausgehen. Zu leicht fühlen sich junge Leute unter Druck gesetzt.

So weiß auch Pater Anselm Grün, der 25 Jahre in seinem Kloster Münsterschwarzach Jugendarbeit betrieb. In der Regel, so erfuhr er, werden die Freunde der erwachsenen Kinder in den Familien als gern gesehene Gäste aufgenommen. Manchmal aber beklagten sich junge Leute, dass ihre Eltern vereinnahmende Tendenzen zeigen. Der Freund sei so selbstverständliches als Familienmitglied akzeptiert, dass sie sich nicht mehr frei genug fühlten, die Beziehung beenden zu können, wenn sie spürten: das harmoniert nicht. Zu der schweren Aufgabe, dem Freund reinen Wein einzuschenken, komme noch die Sorge, die Eltern zu enttäuschen. Fragen seien erlaubt, versichert Manfred Frigger. Nur sollten Eltern sie möglichst offen stellen. "Was beschäftigt euch beide zur Zeit, wenn ich fragen darf? Wir machen uns ja auch unsere Gedanken!" Oder: "Wie stellt ihr euch das vor, wie es mit euch nun weitergeht? Könnt ihr miteinander darüber reden?"

Wenn die jungen Leute auf solche Fragen nicht antworten, wissen die Eltern: sie sind noch nicht so weit, sie können noch nicht antworten. Kindern tut es gut, sich auch in Fragen der Partnerschaft von den Eltern nicht allein gelassen zu wissen; wenn sie nicht das Gefühl erhalten, Rechenschaft ablegen zu müssen. Gelegentlich wechseln sogar die Rollen. Vater oder Mutter werden zum Ratgeber, übernehmen eine therapeutische Funktion. Das können sie aber nur, wenn sie ehrlich ihre eigenen Interessen zurückstellen. Und die Geheimnisse des jungen Paares achten. Was eine Familie keinesfalls aufgeben sollte, wenn sie über ihre Kinder Partner-Zuwachs erhält, sind die bisherigen Rituale.

Manfred Frigger bezieht in dieser Sache klar Stellung. Sicher wird vor dem Essen weiter gebetet, auch wenn der junge Mann oder die junge Frau mit solcher religiösen Praxis nicht vertraut sind. Jede Familie hat ihre eigene Kultur. Das fängt bei Essenszeiten an. Oder alle begrüßen sich mit Umarmung; oder eben nicht. Solche Gebräuche brauchen nicht ganz auf den Neuankömmling umgestellt zu werden. Dem hilft es eher, sich einbezogen zu fühlen. Er wird sich schon eigene Gedanken machen. Und überlegen, was er in sein künftiges Familienleben übernehmen möchte und was nicht.

Richard Schleyer

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