"Ehen halten heute länger"

Theodorianum-Schüler diskutieren mit Familienberater Manfred Frigger

Von Sonja Gruhn (Text) und Wolfram Brucks (Foto)

Paderborn (WV). Die Bedeutung von Familien und Ehe hat nachgelassen. Diese Auffassung vertreten Gymnasiasten des Theodorianums, die sich mit dem sozialen Wandel beschäftigt haben. Manfred Frigger (62), Leiter der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Erzbistum Paderborn, sieht das ganz anders.

Die Gymnasiasten Tim (18, links) und Julia (18) haben sich von dem Paderborner Eheberater Manfred Frigger auch einige Beratungsmethoden erläutern lassen. Das „Beziehungshaus“ ist eine davon. Dabei können Ehepartner herausfinden, welche Aspekte an welcher Stelle stehen.

Er hat sich mit 18 Schülern des Leistungskurses Sozialwissenschaften sowie der Kursleiterin, Schuldirektorin Doris Frintrop-Bechthold, auseinandergesetzt. In ihrem Kursus mit dem Thema sozialer Wandel - heutige Lebensformen hatten die Jugendlichen interessante Ergebnisse erarbeitet, aber auch Fragen für den Eheberatungsspezialisten mitgebracht.

So wollten sie wissen, wie sich die Dauer der Ehen entwickelt hat. "Während Ehepaare um 1917 noch etwa zehn Jahre und 1947 etwa 20 Jahre im Schnitt verheiratet waren, sind sie heute eher 50 Jahre zusammen", sagt Manfred Frigger. Das läge vor allem daran, dass die Menschen heutzutage eine höhere Lebenserwartung haben. Er habe festgestellt, dass die Menschen sich zwar rasant verändern und sich das Heiratsalter noch oben entwickele, der Wunsch nach Sicherheit aber bliebe. Frigger meint, dass viele Paare schon vor der Ehe quasi miteinander verheiratet seien. "Die Menschen wollen damals wie heute einen verlässlichen Partner haben."

Weiter wollten die Jugendlichen erfahren, ob die Probleme, mit denen die Partner zur Beratung kommen, sich verändert hätten. Grundsätzlich seien auch diese gleich geblieben, sagt Frigger. Viele Krisen würden durch Lebenswendepunkte verursacht wie die Geburt des ersten Kindes, wenn dieses flügge wird oder durch den Wechsel aus dem Arbeits- ins Rentnerleben. Heutzutage kämen Probleme durch Fernbeziehungen und Beruf hinzu. "Die Entwicklung der Frauen ist total anders und hat die Gesellschaft verändert. Frauen stehen im Gegensatz zu früher ebenso im Arbeitsleben wie die Männer." Zudem würden heute persönliche Aspekte wie die individuelle Sicherheit überwiegen.

Dass die Bereitschaft der Menschen, über ihre Probleme zu reden, zugenommen hat, konnte Frigger nur bestätigen. Immer häufiger ließen sich auch ältere Paare beraten, und der Anteil der Frauen, die Rat suchen, sei längst nicht mehr wesentlich höher. Es würden aber auch Alleinerziehende die Beratungsstelle aufsuchen.

Manfred Frigger gewährte den Schülern auch einen Einblick in seine Beratungsmethoden und forderte zwei von ihnen auf, ein Beziehungs- oder auch Lebenshaus aus Holzklötzen zu bauen. Die Bausteine waren mit Begriffen wie "Offenheit", "Treue", "Lachen", "Gemeinsame Mahlzeiten", "Gespräch", "Rücksichtnahme", "Streit", "Werte", "Kritik" und anderen Schlagwörtern versehen. Beide Schüler sollten sich mehrere Begriffe aussuchen und anschließend daraus ein Lebenshaus mit einer Basis, verschiedenen Etagen und einem Dach errichten.

Abschließend fühlten die Gymnasiasten Manfred Frigger ganz persönlich auf den Zahn mit der Frage: "Was macht ein Eheberater, wenn er selbst eine Beratung benötigt?" Allen Beratern stünden Supervisionen zur Verfügung, auch um die eigene Tätigkeit zu reflektieren. Derjenige, der sich auf den Stuhl des anderen setzen könne, sei ein guter Therapeut, sagt Frigger. "Ich habe dazu das Glück, mit einer Frau verheiratet zu sein, die Eheberaterin ist", fügt er lachend hinzu. "Wir haben gelernt, heftig miteinander zu streiten, aber dabei fair zu bleiben."

"Die Menschen wollen damals wie heute einen verlässlichen Partner haben."

Eheberater Manfred Frigger

Daten und Fakten

Zwei Drittel aller Eheberatungsstellen stehen unter Trägerschaft der Katholischen Kirche, ein Drittel wird von der Evangelischen Kirche vorgehalten. Der Staat bietet keine an. Eine Tatsache, die Eheberater Manfred Frigger sehr kritisch sieht: "Geht es den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut. Der Ansatz muss sein, Paare zu stärken, dann braucht man dies weniger bei den Kindern zu tun."

Das Erzbistum Paderborn unterhält 23 Eheberatungsstellen mit etwa 60 Mitarbeitern. Die Zahl der Ratsuchenden ist im Vergleich zu 1999 um 34,5 Prozent gestiegen. 1989 waren es noch 404 mit 1318 Beratungsstunden, 1999 bereit 607 (2305 Stunden) und 2009 wandten sich 926 Menschen, 57 Prozent davon Frauen, an die Eheberatungsstelle (2652 Stunden). 68 Prozent sind zwischen 31 und 50 Jahre alt, 79 Prozent haben ein oder mehrere Kindern.

Emotionale Probleme stehen mit 55,5 Prozent an der Spitze der Beratungsanlässe, gefolgt von Trennung (53,5 Prozent), Sexualität (46,5 Prozent) und Ängsten (44,5 Prozent).